Wegbereiter einer teilhabeorientierten Versorgung

Im Jahr 2005 haben die BruderhausDiakonie und das ZfP Südwürttemberg die Gemeinnützige Gesellschaft für Psychiatrie Reutlingen mbH gegründet, die PP.rt. 2017 wurde eine weitere Gesellschaft ins Leben gerufen, die Gemeinnützige Gesellschaft für Gemeindepsychiatrie Reutlingen mbH, die GP.rt, als Träger der außerklinischen gemeindepsychiatrischen Hilfen. Die PP.rt und die GP.rt stehen für ein Kooperationsmodell mit dem Ziel, Behandlung, soziale Betreuung und Teilhabe in der Region Reutlingen aus einem gemeinsamen Verständnis heraus zu organisieren und weiterzuentwickeln. Eine zeitgemäße fachliche Zielsetzung – und doch reichen deren Grundlagen bereits in die Entstehungs- und Frühphase beider Muttergesellschaften zurück, die ihre Wurzeln jeweils in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben.

Historische Wegbereiter

Es war die Zeit der Industrialisierung, in der Städte, Bevölkerungszahl, aber auch Not sprunghaft wuchsen. Wer seinen Lebensunterhalt nicht oder nicht mehr selbst sicherstellen konnte, blieb als Verlierer zurück. Armut, soziale Ausgrenzung und psychisches Leid betrafen vor allem die schwachen Glieder der Gesellschaft: Arme, Kranke, Behinderte, Waisenkinder ohne Unterstützung. Diese im Alltag wahrnehmbare Not ließ Menschen aus einem christlich-humanen Menschenbild und sozialer Verpflichtung heraus aktiv werden. Drei Persönlichkeiten, die sich in ihrer Motivation, ethischen Orientierung und fachlichen Überzeugung sehr nah waren, haben die Entwicklung beider Institutionen geprägt.

Karl von Schaeffer war ab 1838 ärztlicher Direktor der 1812 gegründeten königlich-württembergischen Irrenanstalt Zwiefalten, die er insgesamt 36 Jahre lang führte. Geradezu modern mutet aus heutiger Sicht von Schaeffers therapeutisches Konzept an. Er legte in der Gestaltung seiner Klinik großen Wert auf einen menschenwürdigen Umgang und die Gestaltung förderlicher sozialer Rahmenbedingungen, wozu zum Beispiel auch ansprechende Räumlichkeiten und ein einladender Gartenbereich gehörten. Einen zentralen therapeutischen Stellenwert nahmen dabei fördernde Tagesgestaltung und als sinnhaft erlebte Beschäftigung ein. Die Bedeutung von Angeboten zur Tagesstruktur oder beruflichen Teilhabe steht heute vollkommen außer Frage.

Gustav Werner war als junger Pfarrer sehr berührt von der Wahrnehmung des wachsenden Elends am Rande der entstehenden Industriegesellschaft. Getreu seinem Lebensmotto „Was nicht zur Tag wird, hat keinen Wert“ hat er seine theologische Karriere hintangestellt und sich tatkräftig in den Dienst notleidender Menschen gestellt. Unermüdlich und uneigennützig setzte er sich ein, schuf Unterkünfte, sammelte Geld und ehrenamtliche Helfer. Dabei hat Gustav Werner verstanden, dass es nicht ausreicht, Menschen in schwierigen Lebenssituationen zu retten und zu betreuen. Es kommt darauf an, ihnen einen Platz in der Gesellschaft zu geben, ihnen die Möglichkeit zu eröffnen, sich als sinnvollen Teil der Gesellschaft zu erleben. Die Schaffung von Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten, Ausbildung und Qualifizierung und Integration in den Arbeitsmarkt waren zentrale Prinzipien in Werners Arbeit.

Heinrich Landerer war ein früher und zeitlebens enger Freund Werners aus Tübinger und Reutlinger Tagen und wurde später auch sein Schwager. Sein Lebensweg nach dem Medizinstudium war erkennbar von Werner mitbeeinflusst. Menschen in Not einen Platz zu geben, an dem sie angenommen sind, wo ihnen geholfen werden kann, war sicherlich auch zentrale Motivation beim Aufbau der Klinik Christophsbad in Göppingen. Sie sollte „nicht nur Irrenanstalt, sondern auch ein Haus des christlichen Sozialismus“ sein, wo eine Atmosphäre der Geborgenheit, Gerechtigkeit und gegenseitiger Achtung herrscht. Auch hier waren Arbeit in Form einer sinnvollen Beschäftigung in der Gemeinschaft sowie Freizeit, beispielsweise Ausflüge oder kulturelle Angebote, wesentliche Säulen des therapeutischen Konzepts. Als private Initiative zunächst durchaus ein erhebliches Wagnis, das nicht ohne die ideelle und finanzielle Unterstützung Werners gelang. Sie entwickelte sich aber unter seiner Leitung in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts zur größten psychiatrischen Einrichtung Württembergs. Mit Bezug auf diese Verbindung zwischen Werner und Landerer erhielt das 1964 eröffnete Krankenhaus der Gustav Werner Stiftung den Namen Heinrich-Landerer-Krankenhaus.

Ermutigung und Verpflichtung

Von Schaeffer, Werner und Landerer vertraten nicht nur ähnliche Ansichten. Auch die Art ihres Zugangs zu den von ihnen betreuten Menschen und ihr Verständnis von deren primären Unterstützungsbedarf haben durchaus moderne Züge. Sie waren alle überzeugt vom Recht auf ein Leben in Gemeinschaft, auf Arbeit, Bildung und Förderung auch ihres Klientels. Und sie waren überzeugt von der pädagogischen und therapeutischen Wirksamkeit dieser Prinzipien.
Wenn die BruderhausDiakonie und das ZfP Südwürttemberg heute die psychiatrische Behandlung und die Hilfe zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft noch besser verbinden, ist der Blick auf dieses gemeinsame fachliche Erbe eine Ermutigung, aber auch eine Verpflichtung für die heute Verantwortlichen.